Der Digitale Produktpass kommt: Was ist wichtig?
Veröffentlicht: 5. August 2026
Das Wichtigste in Kürze
Für viele Unternehmen in der EU ändert sich grundlegend, wie Produktinformationen bereitgestellt werden müssen. Mit dem Digitalen Produktpass (DPP) entsteht ein neuer Standard für Transparenz über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg, von der Herstellung bis zur Entsorgung. Was zunächst nach einer weiteren Compliance-Anforderung klingt, hat weitreichende Folgen für Produktdaten, Dokumentation und Lieferketten.
Was ist ein Digitaler Produktpass?
Der digitale Produktpass ist ein strukturierter, maschinenlesbarer Datensatz, der über einen QR-Code oder vergleichbaren Datenträger mit einem physischen Produkt verknüpft ist. Er dokumentiert unter anderem Herkunft, Materialzusammensetzung, Umweltkennzahlen, Reparierbarkeit und Entsorgungshinweise. Der Zugriff erfolgt meist über einen QR-Code nach dem GS1-Digital-Link-Standard oder einen DataMatrix-Code, wobei der Datenträger die gesamte Produktlebensdauer überdauern und auch nach dem Verkauf zugänglich bleiben muss.
Dabei gibt es nicht „einen“ Zugriff für alle: Die ESPR sieht abgestufte Zugriffsrechte vor, wie z. B. öffentliche Basisinformationen für Verbraucher per Scan, erweiterte Daten für Wirtschaftsakteure wie Reparaturbetriebe und Recycler sowie vollständigen Zugang für Marktüberwachungsbehörden.
Der regulatorische Rahmen
Grundlage ist die europäische Ökodesign-Verordnung ESPR (Verordnung (EU) 2024/1781), die am 18. Juli 2024 in Kraft trat und den Rahmen für digitale Produktpässe über zahlreiche Produktgruppen hinweg schafft. Konkretisiert werden die Anforderungen jeweils über produktgruppenspezifische delegierte Rechtsakte.
Den Anfang macht der Batteriepass: Vorgeschrieben durch die Batterieverordnung (EU) 2023/1542, gilt er als erster vollständig ausgearbeiteter und verabschiedeter Produktpass der EU, verpflichtend ab dem 18. Februar 2027. Bereits davor starten Eisen- und Stahlprodukte 2026 als erste Produktkategorie unter dem DPP. Es folgen gestaffelt weitere Branchen: Elektronik 2027, Textilien und Möbel Ende 2028, perspektivisch auch Reifen, Bauprodukte und Spielzeug.
Parallel entsteht die technische Infrastruktur: Die EU-Kommission hat im Juli 2026 ein zentrales Register für Datenträger und Produktkennungen eingerichtet. Und im Mai 2026 veröffentlichte CEN/CENELEC erste Standards der Reihe EN 182xx, die unter anderem Datenträger und Schnittstellen für Lebenszyklus-Management regeln.
Welchen Nutzen bietet der DPP?
Der DPP ist mehr als eine reine Berichtspflicht. Er schafft:
- Transparenz für Verbraucher, Handelspartner und Behörden entlang der gesamten Lieferkette
- Kreislauffähigkeit, da Reparatur-, Wiederverwendungs- und Recyclinginformationen strukturiert verfügbar sind
- Effizientere Prozesse, weil Produktdaten nicht mehr in Einzeldokumenten verstreut, sondern zentral auffindbar sind
- Wettbewerbsvorteile für Unternehmen, die frühzeitig belastbare, auditfähige Datenstrukturen aufbauen, statt kurzfristig unter Zeitdruck zu reagieren
Wo kommt der DPP zum Einsatz?
Betroffen sind zunächst Produktgruppen mit hoher Ressourcenintensität oder Abfallrelevanz: Stahl und Eisen, Batterien, Elektronikgeräte, Textilien und Möbel. Mittelfristig sollen laut EU-Kommission bis 2030 über 30 Produktgruppen den DPP tragen. Der DPP wird damit zu einem branchenübergreifenden Standard, nicht zu einer Ausnahmeregelung für einzelne Sektoren.
Warum sich Unternehmen schon jetzt damit befassen sollten
Auch wenn viele Fristen erst 2027 oder später greifen: Die Vorlaufzeit ist erheblich. Wie groß die Lücke zwischen Problembewusstsein und tatsächlicher Vorbereitung noch ist, zeigt eine europaweite Befragung von KPMG unter mehr als 70 Unternehmen aus 13 Ländern: Zwar kennen praktisch alle befragten Unternehmen (97 Prozent) den Digitalen Produktpass, doch nur ein Drittel (33 Prozent) gibt an, die konkreten Anforderungen und Auswirkungen für das eigene Unternehmen wirklich gut zu verstehen.
Noch deutlicher wird die Lücke beim Umsetzungsstand: Nur 19 Prozent der Unternehmen bezeichnen sich als „gut vorbereitet“ – mit klaren Zuständigkeiten und einem von der Geschäftsführung getragenen Fahrplan. Bei 81 Prozent fehlt dieser umfassende Fahrplan noch, ein Teil davon (23 Prozent) hat intern nicht einmal eine verantwortliche Stelle für das Thema benannt. Als größte Hürde nennen die Unternehmen dabei nicht Budget oder fehlende Unterstützung der Geschäftsführung, sondern die Datenbeschaffung entlang der Lieferkette.
Materialdaten, Lieferantenangaben und Produktdokumentation müssen strukturiert, verifizierbar und dauerhaft zugänglich vorliegen – eine Anforderung, die in bestehenden Systemen häufig nicht erfüllt ist. Wer frühzeitig beginnt, verschafft sich Zeit für saubere Datenmodelle, statt kurz vor Stichtagen unter Druck nachzurüsten.
Für wen ist das Thema relevant?
Direkt betroffen sind Hersteller, Importeure und Händler der jeweils regulierten Produktgruppen – aktuell vor allem Metallverarbeitung, Elektronik, Batteriehersteller sowie perspektivisch Textil- und Möbelindustrie. Indirekt relevant ist das Thema für alle, die mit Produktdokumentation, Qualitätsmanagement oder Datenmanagement befasst sind, da der DPP neue Anforderungen an Datenstruktur und -pflege stellt.
Fazit:
Der Digitale Produktpass ist kein Randthema für einzelne Branchen, sondern ein europaweiter Standard, der schrittweise nahezu alle physischen Produkte betreffen wird. Die konkreten Anforderungen unterscheiden sich je nach Produktgruppe und werden laufend über delegierte Rechtsakte präzisiert. Unternehmen sind gut beraten, sich frühzeitig einen Überblick zu verschaffen – unabhängig davon, wann die eigene Produktgruppe konkret an der Reihe ist.
Empolis